FEHLER SIND UNSERE BESTEN FREUNDE

Hier ist ein Auszug aus meinem Buch “Selbstheilung – Neun Schritte in deine Mitte”:

Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen. Johann Wolfgang von Goethe

Wenn ich hineinblicke in unsere Menschlichkeiten, dann sehe ich eine tiefe Angst vor Fehlern, Versagen, Scham und Blamage. Dabei lernen wir aus den sogenannten Fehlern häufig viel mehr als aus deren Vermeidung. Und häufig benötigt es viele, viele sogenannte Fehler um das gewünschte Ziel zu erreichen.

Fehler begrüßen

Ein Fehler ist im Wörterbuch der Synonyme „Irrtum, Defekt, Dummheit, Entgleisung, Fauxpas, Fehlgriff, Fehlleistung, Fehlschluss, Fehltritt, Inkorrektheit, Lapsus, Macke, Mangel, Missgriff …“

Von der Wortbedeutung her scheint nur irgendetwas zu fehlen – und das können wir doch hinzulernen, oder? Wie gesagt, wir sind nicht per­fekt, sondern vollkommen – in der Vollkommenheit gehört der Fehler einfach mit dazu.

Schreibe bitte deine Fehler oder deine Erlebnisse des Scheiterns in deinem Leben auf. Erkunde und erspüre, welche Gefühle sie in deinem Körper auslösen: vielleicht Scham- und Schuldgefühle, Versagensgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, vielleicht Bauchweh, Kopfweh, Bluthochdruck … Überprüfe, welche selbstschädigenden Glaubenssätze diese Symptome auslösen.

Denke daran, die Ursache ist häufig nicht der sogenannte Fehler, sondern der zugrunde liegende selbstschädigende Glaubenssatz. Arbeite erneut mit dem Inspirationsblatt aus Kapitel 2 zur Bewusstwerdung selbstschädigender Glaubenssätze. Lass die darin gebundenen Emotionen los. Komme so zurück in die Authentizität deines Körpers.

Schreibe bitte in einem zweiten Schritt auf, welche Reaktion du auf einen Fehler gerne einüben möchtest – beispielsweise lachen, lächeln, jubeln, streicheln, tanzen etc.

Herta kam in die Gruppe nach einem tragischen Skiunfall, der Kopfschmerzen, Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme, Ängste, Depressionen bis hin zu existenziellen Nöten auslöste. In der Firma, in der sie 20 Jahre lang gearbeitet hatte und die hohe Konzentration für technische Feinarbeit verlangte, erbrachte sie nicht mehr die erwünschten Leistungen. Es kam nach einer Schonzeit zu Kritikgesprächen mit dem Chef, dann fand Mobbing durch die Kolleginnen und Kollegen statt. Zu den körperlichen Unfallfolgen kamen Versagensängste, Ängste vor Überforderung und auch vor Kündigung und belasteten sie und ihre Familie. Das Unglück des Unfalls schien Hertas ganzes Leben negativ zu bestimmen in einer Abwärtsspirale mit immer mehr Ängsten, Körpersymptomen, sekundären Folgewirkungen, sodass irgendwann auch die Ehe und die Kinder unter Hertas Angespanntheit litten.

Den Forderungen am Arbeitsplatz konnte sie nur mit enormer Kraftanstrengung nachkommen. Erneut gab es Kritikgespräche, Abmahnungen, weil sie sich kaum mehr konzentrieren konnte und einen Termin verpasst hatte. Und dann kam irgendwann, wie befürchtet, die Kündigung. Herta war total gekränkt, fand die ganze Welt ungerecht, sie war verzweifelt und zutiefst empört.

In der Gruppe hatten wir die ganze Entwicklung über zwei Jahre mitbekommen und sie eigentlich eher ermutigt, selbst zu kündigen. Das wollte sie aus finanziellen Gründen nicht. Außerdem schob sie unbewusst dem Arbeitgeber die Verantwortung für ihr berufliches Leben zu.

Mit der Kündigung brach Hertas Welt vollkommen zusammen. Und doch genoss sie die Zeit der Arbeitslosigkeit: endlich kein Druck mehr … Sie nahm sich Zeit, zu sich zu finden. Sie ging Hobbys nach, kümmerte sich um ihre Kinder, führte endlich wieder lockere Gespräche mit ihrem Mann. Sie nahm Kontakt zum Arbeitsamt auf. Wir überlegten, was sie beruflich machen könne. Eigentlich wollte sie schon immer im sozialen Bereich arbeiten und gleichzeitig auch handwerklich gefordert sein. Herta hatte dran gedacht, sich als Kinderbetreuerin in einer Schule zu bewerben. Doch dann sagte sie: „Vielleicht sollte ich ein Zeichen setzen und endlich alles verändern – ich mache noch mal eine Ausbildung. Ich will Heilpädagogin werden.“ Nachdem sie diese Entscheidung gefällt hatte, ging alles auf einmal sehr schnell. Nach zwei Monaten besuchte sie die entsprechende Schule, leistete Praktika und inzwischen hat sie ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Herta ist ein ganz anderer Mensch geworden: freudig, patent, warmherzig, entspannt. Dieses neue Leben war nur durch den Unfall möglich. Ohne Druck hätte Herta nie den Mut gefasst, ihr Leben so radikal zu ändern.

 

So kann das sogenannte Scheitern in einer Beziehung Raum für neue Erfahrungen öffnen, festgelegte Rollenmuster auflösen und dir neue Freiheit verschaffen. Also schreib dir bitte jeden Tag unterhalb deiner sogenannten Fehler auf, wozu diese Fehler/diese Missgeschicke gut sein können.

Dann lache, strahle, juble deine Fehler an. Schreibe auf, was du alles aus ihnen lernen kannst oder bereits gelernt hast.

Vor vielen Jahren hatte ich eine grandiose und teure und bittere Erfahrung des Scheiterns. Wenn ich gefragt wurde, wie es mir denn ginge, hatte ich mir angewöhnt zu antworten: „Ich erlebe gerade eine ganz zauberhafte Erfahrung des Scheiterns.“ Komischerweise hat mich dann kaum noch jemand gefragt, was denn passiert sei. Wahrscheinlich kam ihnen die Antwort so schräg und merkwürdig vor. Dieser Satz jedenfalls ließ mich diese peinliche Erfahrung aushalten, sie halbwegs positiv einordnen – zumindest verbal – und nach außen äußern. Inzwischen weiß ich, wieviel ich in dieser Zeit gelernt habe. Und vermutlich würde ich diese Zeilen ohne diese zauberhafte unangenehme Erfahrung des Scheiterns jetzt nicht schreiben.

Im Grund genommen sind damals meine alten Glaubenssätze gescheitert. „Du musst immer perfekt sein“, „Du darfst keine Fehler machen“, „Du musst dich zusammenreißen.“ Als mein Weltbild zusammengebrochen war und ich mir Zeit gab, die Wunden zu lecken, habe ich mich entschieden, dieses Gefühl des Scheiterns zu beenden und wieder in ein erfülltes glückliches gesundes Leben zurückzukehren. So habe ich mir sozusagen einen liebevollen Tritt in den Hintern gegeben und bewusst gewählt, aus dem scheinbaren Versagen keine lebenslange Sorge zu machen. Ich würde es vielmehr als Antrieb nutzen, in die Puschen zu kommen auf meinem ureigenen Weg ins Glück. Fehler, Versagen, Missgeschick gehören zu unseren Erfahrungen der Menschlichkeit und zu denen des Wachsens.

 

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